Thomanerchor Leipzig

Georg Christoph Biller Thomaskantor
Marcel Grobys Orgel

Thomaner vermeiden Süßliches

Von Gerhard Dietel, Mittelbayerische Zeitung | 30.11.2014

(…) Hellwach reagieren die Knaben (im Matrosenkragen) und die jungen Männer (im dezenten Anzug) auf die energische Zeichengebung ihres Leiters Georg Christoph Biller, der seit 1992 als sechzehnter Amtsnachfolger Bachs das Thomaskantorat innehat. Schnell wird beim Zuhören klar, worauf Biller und sein Chor den Hauptakzent setzen: der Textinterpretation geben sie Vorrang vor rein klanglichen Aspekten. Bis ins Detail des einzelnen Textworts spürt der Vortrag im klangmalerischen oder -symbolischen Gestalten dem Sinn des Gesungenen nach. Erscheint das „Ach wie lang, wie lange“ bewusst gedehnt, so folgt dem „Es ist nun nichts“ eine „Abruptio“ im Sinn der barocken Rhetorik: ein jähes Abreißen des Klangs, scheinbar keiner Fortsetzung fähig.



Nach dieser tiefschürfenden Bach-Deutung wendet sich das weitere Programm des Thomanerchors der beginnenden Advents- und Weihnachtszeit zu. Ganz gezielt vermeiden Georg Christoph Biller und seine Thomaner dabei alles, was allzu lieblich oder gar süßlich wirken könnte. Darum gibt es wohl auch nur Weniges aus dem Zeitalter der Romantik zu vernehmen, wie etwa das klangschön angestimmte „Unser lieber Frauen Traum“ von Max Reger. Volkstümliches dagegen ist sehr wohl im Programm vertreten, wenn auch in zeitgenössischen Sätzen, wobei neben Biller selbst und seinem berühmten Amtsvorgänger Erhard Mauersberger auch der Regensburger Organist Norbert Düchtel mit einer „Weihnachtsnachtigall“ vertreten ist. Da geht mancher Schlussklang nicht ganz dreiklangsselig auf, sondern enthält kleine Widerhaken in Form von Zusatztönen. Andächtige Stimmung entsteht gleichwohl und ein besonderer Zauber, wenn aus dem Ensemble Solosänger heraustreten und mit ihren Knabenstimmen wie körperlos schwebende Engel wirken, welche die frohe Botschaft verkünden.



Verschnaufpausen für die Thomaner bilden drei Beiträge des Konzertorganisten Marcel Grobys: Eine in zarten Stimmen und ruhiger Linienführung ertönende „Fantasia“ Bachs, die ebenso zurückhaltend intonierte „Fantasia auf die Manier eines Echo“ von Sweelinck und schließlich Bachs hell und munter fließende Fughetta über „Vom Himmel hoch“. Zwischen den Programmnummern hält sich die Zuhörerschar bewusst mit Beifall zurück. Umso herzlicher applaudiert das Publikum am Schluss – und es wird noch mit dem Bach’schen Choralsatz „Wie soll ich dich empfangen“ belohnt.