"Wahnsinnsarien"

Edita Gruberova Sopran
Nürnberger Symphoniker | Peter Valentovic Dirigent

Edita Gruberova schenkt Glücksmomente

Von Juan Martin Koch, Mittelbayerische Zeitung | 22.2.2015

So funktioniert Belcanto: Nach einem prägnanten Rezitativ hat sich die getragene Arie über friedlicher, etwas harmloser Streicherbewegung ruhig ein- und allmählich in ätherische Höhen aufgeschwungen und wir warten auf eine gediegene, möglicherweise leicht verzierte Schlusswendung. Da bricht die ebenmäßige Gesangslinie in mittlerer Lage plötzlich ab, und nach einer kleinen Zäsur leitet ein zartes, dreigestrichenes C aus schwindelerregender Höhe die letzte Phrase ein. Ein solcher Überraschungseffekt kann seine atemberaubende Wirkung nur entfalten, wenn er mit absoluter vokaler Kontrolle und sicherem Stilgefühl zelebriert wird. Edita Gruberova verfügt über beides und noch mehr: Mit souveränem Timing und Theaterinstinkt blickt sie in der kurzen Pause zur Seite und verzögert den Spitzenton um ein paar Millisekunden, um ihn dann wie beiläufig als makelloses Fundstück aus einer anderen Welt in den Raum zu stellen.

In diesem Moment, dem ein messerscharf deklamiertes, brillant charakterisierendes Rezitativ vorausgegangen war, und der anschließend mit lodernder Intensität und strahlender Höhe herausgeschleuderten Cabaletta kulminierte der erste Teil von Edita Gruberovas triumphalem Gastspiel im Regensburger Audimax. Vor dieser Nummernfolge aus Gaetano Donizettis „Roberto Devereux“ war die Sängerin mit zwei Ausschnitten aus dessen „Lucia di Lammermoor“ zu erleben. In der berühmten Wahnsinnszene ließ sie alle Facetten ihrer nach wie vor überragenden Stimmbeherrschung und Gestaltungsfähigkeit aufleuchten, die von mädchenhafter Innigkeit bis zu bebenden, dabei vokal stets kontrollierten Erregungszuständen alle Schattierungen kennt. Der vielleicht faszinierendste Aspekt ihrer Gesangskunst: die Zurücknahme. Dabei stellt sich der paradoxe Effekt ein, dass ihre Stimme umso tragfähiger zu sein scheint, je leiser sie wird. Man meint, mit einem Zoomobjektiv nebst Richtmikrophon in den Vokalklang hineingezogen zu werden – Gänsehautmomente. (...)