Festliches Weihnachtskonzert "Viva Vialdi"

Philippe Jaroussky Countertenor
Ensemble Artaserse

Das Wunder einer Stimme

Von Gerhard Dietel, Mittelbayerische Zeitung | 18.12.2014

(...) Philippe Jaroussky ist zweifellos einer der wenigen Stars, die das im Zuge der historischen Aufführungspraxis wieder auflebende oder besser neuentstehende Countertenor-Fach hervorgebracht hat (denn das entsprechende Repertoire an geistlicher und weltlicher Vokalmusik war einst für Kastraten bestimmt). Aber diesem Ausnahmemusiker, der schon einen „Echo Klassik“-Preis verliehen bekam, sind glücklicherweise alle Star-Allüren fremd geblieben. Den großen Anfangsauftritt versagt Jaroussky sich. Bescheiden sitzt er inmitten der Musiker des „Ensemble Artaserse“ und überlässt ihnen die Bühne. Die 2002 gegründete Gruppe erwirbt sich sofort den Respekt und die wachsende Bewunderung des Odeon-Publikums, ja sie wird zum zweiten Star des Abends.

Wie diese 15 Musiker umfassende Formation aus Streichern nebst Continuogruppe mit Orgel, Cembalo und Theorbe Instrumentalmusik von Antonio Vivaldi zum prallen Leben erweckt, ist ein Erlebnis für sich. Manche Einzelsätze der „Concerti“ oder „Sinfonien“ Vivaldis dienen als Einleitungen für den nahtlos anschließenden Auftritt Jarousskys, aber sie sind weit mehr als ein bloßes Vorwärmen. Springlebendig und putzmunter werden sie musiziert, zumal die hohen Streicher im Stehen mit ganzem Körpereinsatz spielen. Bis ins Letzte ausgefeilt sind die Interpretationen, wobei sich die Mitglieder des „Ensemble Artaserse“ auch ohne Blickkontakt wie blind verstehen.

In perfekter Homogenität gelingen die sprechenden Unisono-Passagen Vivaldis, aus denen sich der Klang wieder vielstimmig auffächert. Präzise wechseln Licht und Schattenwurf, wenn im vollständig dargebotenen Concerto grosso Nr. 8 des „Estro armonico“ Vollklang und Solistengruppe wechseln. Auch zu seelenvollem Gesang sind die Streicher fähig, am bestechendsten wirken aber dennoch die schnellen Sätze mit ihren stürmischen Dynamikkontrasten und scharfen Akzenten. Abrocken mit Vivaldi: das geht, wie sich beim Anfangsallegro des D-Dur-Streicherkonzerts RV 123 erweist, das a-thematisch nur noch als rauschender Klang daherkommt: Bewegung als ihr Selbstzweck.

Gewichtig bleibt der Orchesterbeitrag auch dort noch, wo Philippe Jaroussky in den Vordergrund tritt: mit geistlichen Kompositionen Vivaldis in der ersten Programmhälfte, mit einem Bündel von Opernarien nach der Pause, das um drei Zugaben verlängert wird, während das zunehmend enthusiastische Publikum sich bis zu stehenden Ovationen steigert. In kluger Dramaturgie beginnt Jaroussky seinen Vortrag noch ganz zurückhaltend mit Vivaldis in gedeckten Farben komponiertem „Stabat mater“, wo das stille „Christi matrem contemplari“ zum anrührenden emotionalen Höhepunkt wird.Das Staunen über das Wunder dieser Stimme steigert sich von Nummer zu Nummer, wobei Jaroussky die ganze Vielfalt der barocken Affektsprache zwischen ruhiger Kontemplation und wildem Furor durchmisst. Die Töne kommen wie aus dem Nichts, wie ein Hauch, der aber durch Brustresonanzen an Fülle bis zu trompetenhaftem Glanz gewinnen kann. Wie auf sanften Fittichen schwingt sich die Stimme in endlosen Bögen durch die Lüfte, nur von sanften Impulsen am Schweben gehalten, dann wieder ergeht sie sich in schier endlosen Koloraturenketten ganz leicht angetupfter Einzeltöne, so dass man sich fragt, wann und wo Jaroussky überhaupt atmet. Hände und Körper werden als Taktgeber eingesetzt, und vielleicht entdeckt man hier das eigentliche Geheimnis dieses Künstlers: Es ist das Musizieren aus der ganzen Persönlichkeit heraus, das die überwältigende Wirkung dieser Countertenor-Stimme erst ermöglicht.