SCANDALE

Alice Sara Ott &
Francesco Tristano Klavierduo

Alice Sara Ott und Francesco Tristano – das sind zwei der angesagtesten jungen Klavierstars. Beide Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon. Beide bereit, neue innovative Wege zu gehen. „Scandale“ – so heißt ihr in diesem Herbst veröffentlichtes Album. Eine Anspielung auf der größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts: Die Pariser Uraufführung von Strawinskys „Sacre du Printemps“ in der Produktion Sergei Diaghilevs. Und so ist das „Sacre“ auch der Schlusspunkt ihres Berliner Programms. „Musik ist zeitlos“, sagt Tristano, der auch mit modernster elektronischer Musik vertraut ist, „diese Musik ist nicht weniger relevant als Techno aus Detroit oder spanischer Underground“. Und Alice Sara Ott fügt hinzu: „Mit diesen Stücken zeigen wir, dass klassische Musik nicht so konservativ ist, wie viele meinen“. Und das gilt für das ganze Programm. Etwa für Ravels Boléro in Tristanos hinreißender Klavierfassung. Wie sagte doch bei der Uraufführung eine aufgewühlte Besucherin: „Hilfe, ein Verrückter!“

Maurice Ravel (1875 - 1937)


Boléro (Bearbeitung für 2 Klaviere von Francesco Tristano)



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Claude Debussy (1862 - 1918)
Nocturnes (Bearbeitung für 2 Klaviere von Maurice Ravel)



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Maurice Ravel
La Valse (Bearbeitung für 2 Klaviere von Francesco Tristano)



*** PAUSE ***

Francesco Tristano (*1981)
A Soft Shell Groove



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Igor Strawinsky (1882 - 1971)
Le Sacre du Printemps (Fassung für 2 Klaviere)

Strawinskys „Sacre“ für Techno-Fans

Von Claudia Böckel, MZ | 19. April 2015

Die beiden famosen Pianisten Alice Sara Ott und Francesco Tristano führen ein „pianistisches Gespräch zweier Künstler vor dem unterschiedlichen Background der Musik, die sie lieben.“ In ihrem Album „Scandale“, das sie bei Odeon-Concerte präsentierten, nehmen sie sich Freiheiten. Die Freiheit, Orchestermusik zu reduzieren auf das Klavier.

Zwei der Bearbeitungen stammen von Tristano, der auch Komponist, Dirigent, Techno-Musiker ist: der „Boléro“ und „La Valse“ von Maurice Ravel. Zwei Nocturnes Debussys bearbeitete schon Ravel, von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ existiert eine Klavierfassung des Komponisten. Was die beiden Pianisten da machen, begeistert das Publikum, auch ein jüngeres Konzertpublikum. Percussiv geht es zu, monoton, dann wieder in Melodik schwelgend. Man hat immer das Gefühl, dass sie frei aufeinander reagieren, spielerisch, und dass sie unendlichen Spaß haben, nicht nur zu spielen, sondern zu klatschen, zu tanzen, zu stampfen. Sogar der Akt des Umblätterns, sonst ein lästiges Übel und von Außenstehenden erledigt, scheint eingebaut in die Bewegungsabläufe am Klavier. Man freut sich schon auf die nächste Blätterbewegung Alice Sara Otts. Faszinierend zu sehen, wie viel Kraft diese schmale, zarte Person entwickeln kann, mit ihren Händen, die in der Proportion zum Körper an Michelangelos David in Florenz erinnern. Die Hände sind das Größte an ihr. Sie lässt sie auch flattern, wenn sie, wie immer barfuß, von der Bühne hopst.Tristano spielt beim „Boléro“ quasi Trommel. Mit einer Hand dämpft er die Klaviersaite innen ab, trommelt mit der anderen das rhythmische Muster des Stückes in die Tasten. Nach und nach legt man an Lautstärke zu, setzt Tremoli ein, gegen Ende auch Cluster, da die Lautstärke anders nicht mehr zu steigern wäre. Was fehlt? Die Orchesterfarben. „Ich habe nur ein Meisterwerk geschrieben. Das ist der Boléro. Unglückseligerweise enthält er keine Musik.“ Soweit Ravel selbst. Das nackte Gerüst des Stückes wirkt trotzdem. Begeisterungsstürme im Publikum. (...)

Den Schlusspunkt setzte Strawinskys „Sacre“, ein „biologisches Ballett… Frühling von innen gesehen“. Auch da geht es herb zu mit rituellen Frühlingsfeiern und Opferritualen. Harmonik wird reduziert, Rhythmus gewinnt die Oberhand, fahle Farben, einstimmige Melodik wechselt mit Tumultszenen. Für Techno-Fans ist diese Klavierfassung sicher das richtige. Für Klassik-Liebhaber gab es dann noch eine Zugabe: den langsamen Satz der D-Dur–Sonate für vier Hände von Mozart, zauberhaft und innig gespielt (...).